Kontemplation

In diesem Artikel möchte ich Ihnen eine Form der gegenstandslosen Meditation, die Kontemplation, näher bringen. In der christlichen Tradition werden drei Formen des Gebets unterschieden:

  • Das gesprochene Gebet (Fürbitten, Dankgebet,…)
  • Das betrachtende Gebet – Meditation (Verstandesmäßige Betrachtung z.B. einer Bibelstelle)
  • Das kontemplative Gebet – Kontemplation (gegenstandslose Meditation)

Der Weg der Kontemplation wurde im Mittelalter als Ziel christlichen Betens gelehrt. Während bei der Betrachtung Wille, Verstand und Sinne aktiviert werden, beruht das kontemplative Gebet auf der Passivität dieser Seelenkräfte. Es werden keine Bilder oder andere (auch religiöse) Inhalte angenommen. Selbst Visionen und innere Ansprachen werden zurückgelassen. Bei der Kontemplation handelt es sich um reines Schauen. So schreibt der Dominikaner Johannes Tauler (Suche Nichts, 14. Jhd.):

Suche nichts als ein reines, einfaches Entsinken
in das reine, einfache, unbekannte, namenlose,
verborgene Gut, das Gott ist,
und in alles, was sich in ihm enthüllen mag.

Entgegen dem Gottesverständnis, mit dem viele von uns aufgewachsen sind, bei dem es einen außen stehenden und vielleicht sogar personalen Gott gibt, deutet die gelesene Textstelle auf einen Gott hin, der über das „Entsinken“ zu finden ist. Ziel der Kontemplation ist somit die Gottesschau oder anders ausgedrückt das Einssein mit Gott. Dies wird auch als „Unio Mystica“ bezeichnet. So heißt es bei Willigis Jäger (Suche nach der Wahrheit, S. 201):

Ziel aller Religionen ist die Einheit mit der universalen Wirklichkeit.
Unio mystica nennt es die christliche Tradition. Das heißt
Einssein mit Gott, so alt sein wie Gott, d.h. zeitloses Leben sein.
Wenn wir diese zeitlose Existenz erfahren, sind wir auferstanden.

Der Ausspruch von Jesus „das Reich Gottes ist mitten unter euch“ bekommt damit eine ganz andere Bedeutung. Auferstehung ist möglich im Hier und Jetzt. Bis in 18. Jahrhundert sind noch Anweisungen zum kontemplativen Gebet zu finden. So schreibt Madame Guyon (18. Jhd.):

Alle sind geeignet für das Innere Gebet.
Es ist ein großes Unglück, dass fast jedermann sich in den Kopf setzt,
nicht zum Inneren Gebet berufen zu sein.
Wir alle sind zum Inneren Gebet berufen,
so wie wir alle zum Heil berufen sind.

Wie auch im Zazen sind die drei Formen der Übung bekannt: Gewahrsein des Atems, Gewahrsein eines Lautes und absichtsloses Sitzen. So steht in der bekannten Wolke des Nichtwissens (Verfasser unbekannt, 14. Jhd.):

… nimm ein kurzes, einsilbiges Wort, eines mit einer Silbe
ist besser als eines mit zwei Silben, und je kürzer es ist,
umso mehr hilft es dir auf deinem geistlichen Weg.
Ein solches Wort ist z.B. ‚Gott’ oder ‚Liebe’. Wähle davon,
welches du willst, oder ein anderes. Achte aber darauf,
dass es eine Silbe hat.
Verankere dieses Wort fest in deinem Herzen, damit es bei dir ist,
was immer auch kommen mag. Es sei dein Schild und dein Speer
im Kampf und in der Ruhe.
Mit diesem Wort schlage auf die Wolke und das Dunkel über dir.
Wehre ab mit ihm jede Art von Gedanken und stoße ihn unter
die Wolke des Vergessens. Und sollte ein Gedanke
dich verfolgen und fragen, was du tust, dann
antworte ihm nur mit diesem Wort.

Die Übung will unsere Aufmerksamkeit hin zum Augenblick lenken, womit wir unsere Gedanken unter „die Wolke des Vergessens stoßen“ können. Was heißt das? In dem Maße, in dem wir es schaffen unsere Gedanken zu entleeren, „vergessen“ wir uns. Bei völliger Selbstvergessenheit gelangen wir zur Schau Gottes – zur Wolke des Nichtwissens (das Bild ist durch die Schau Gottes von Moses am Berg Sinai geprägt – Exodus 16,10). Nach Meister Eckhart ist die Schau Gottes die Konsequenz innerer Selbstvergessenheit. Er schreibt dazu (Die Seele, 13. Jhd.):

Wo und wann Gott dich bereit findet,
so muss er wirken und sich in dich ergießen
in gleicher Weise,
wie wenn die Luft klar und rein ist,
die Sonne sich ergießen muss
und sich nicht zurückhalten kann.

Folglich ist es unsere vornehmste Pflicht, uns zu bereiten, wenn wir innere Einkehr erlangen wollen, was wie beschrieben z.B. über das innere Gewahrsein einer Silbe geschehen kann. Eine weitere Möglichkeit sich zu bereiten, wird in der Fortsetzung der Wolke des Nichtwissens, welche den Namen „Weg des Schweigens“ trägt, als „Schauen ins nackte Sein“ bezeichnet. So heißt es dort:

Nichts ist jetzt wichtiger, außer dem einen, dass du jetzt
Gott in freudiger Liebe die dunkle Wahrnehmung deines reinen
Seins hinhältst, damit er dich (mit seiner Gnade an sich ziehen und dich)
im Innersten mit sich einen kann, dein Sein mit seinem Sein.

Es geht also um ein „Sosein“. Dieses Sosein kann bei kleinen Kindern oft beobachtet werden. Wenn ein Kind auf die Welt kommt, kennt es noch keine Dinge da draußen. Wenn es schreit, dann schreit es und wenn es lacht, dann lacht es. Es dauert ca. 2 ½ Jahre bis das Kind lernt „Ich“ zu sagen. Es verteidigt dann aufs Schärfste seinen Besitz und grenzt sich von anderen Kindern ab. Gleichzeitig ist dies auch die Phase, in der die Kinder in verstärktem Maße Angst haben. Weiter lernt das Kind logische Zusammenhänge zu bilden. In den 20 Jahren danach, lernt der Mensch, geprägt durch seine Sozialisation, seine Ratio einzusetzen und weiter zu entwickeln. Er geht in die Schule und wird dazu angehalten gute Noten zu bekommen. Danach kommt eine Ausbildung oder Studium nach demselben Muster. Auch unsere tägliche Arbeit ist in vielen Fällen kognitiv ausgerichtet. Jedoch erzählen uns Eltern, Lehrer und Vorgesetzte in den seltensten Fällen von unserem Sosein. Da unser ganzes Leben auf unser Denken ausgerichtet ist, spricht Willigis Jäger hier von der „Hypertrophie unserer Ratio“. Dadurch erleiden wir aber zwangsläufig Frustration, Aggression und Ängste. Wir fühlen uns trotz aller Anstrengungen im täglichen Leben getrennt. Getrennt wovon? Angelus Silesius schreibt dazu (Der Cherubinische Wandersmann, 17. Jhd.):

Halt an, wo läufst du hin?
Der Himmel ist in dir;
Suchst du ihn anderswo,
du fehlst in für und für.

Es ist wichtig zu verstehen, dass wir niemals getrennt waren. Jeder Schritt ist Ausdruck dieser Wirklichkeit. Wir können uns ihr nicht entziehen. Es ist diese Ich-Aktivität, die den Blick auf unser wahres Wesen, das wir im Christentum Gott nennen, verschleiert. Im Zen wie in der Kontemplation wird empfohlen, sich einem Lehrer anzuschließen.

In dem Artikel Eine kurze Einführung in die gegenstandslose Meditation habe ich versucht Ihnen die verschiedenen Aspekte der gegenstandslosen Meditation nahe zu bringen. Wer den Weg des Zazen oder der Kontemplation beschreitet, betritt einen Lebensweg. Ich möchte Sie ermutigen, weiter zu üben, auch falls die „dunkle Nacht“ über Sie herein brechen sollte. Bei Johannes vom Kreuz heißt es (vgl. W. Jäger, Suche nach der Wahrheit, S. 193):

Ringsum Geröchel des Todes – Qualen der Hölle – in die Finsternis
geworfen – versenkt in den Pfuhl der untersten Tiefe – lichtlose
Schatten des Todes – Todesschatten, Todesstöhnen, Höllenqualen –
beklemmendes Leiden – aufgehängt in der Luft, ohne atmen
zu können, die Knochen müssen im Feuer verbrennen –
weggezehrt wird das Fleisch – die Gliedmaßen werden zerlöst –
tödliches Hinschmachten – die Seele sieht die Hölle
vor sich aufklaffen.

Gerade in spirituellen Krisen, die – wie gerade beschrieben – durch Zermürbtheit und Aussichtslosigkeit geprägt sind, ist es hilfreich einen spirituellen Begleiter zu haben, der sich auskennt, der den Weg des Zazen oder der Kontemplation geht. Der gewöhnliche Seelsorger wird in vielen Fällen überfordert sein. Weiter zu gehen lohnt sich, so schreibt Johannes vom Kreuz in „Der Weg nach Hause“:

Frieden war’s mit Gott und Welt,
wovon ich zutiefst erfuhr,
ganz allein in meinem Herzen.
Klar ward mir der rechte Weg.
Alles war so voll Geheimnis,
dass ich nur noch stammeln konnte,
alles Wissen übersteigend.

Quellen

Ein Gedanke zu „Kontemplation

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